Goldkapsel oder nicht: Zwei Grauburgunder aus einem Keller im Vergleich
„Goldkapsel“ steht in keinem Gesetz. Was der Begriff bei Ellermann-Spiegel bedeutet und wie man den Unterschied tatsächlich schmeckt.
Im Herzen der Südlichen Weinstraße, in dem beschaulichen Ort Kleinfischlingen, hat ein Weingut in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen. Jahrzehntelang lieferte der Betrieb seine Ernte als Fassware an Großhändler und Genossenschaften. Dann kam Frank Spiegel zurück — von der Ausbildung, vom Studium in Geisenheim, aus der Wachau, aus dem Beaujolais, aus Bordeaux — und begann, einen Teil der Weine selbst zu vermarkten.
Unter den Weinen, die dabei entstehen, ist einer, der besonders gut zeigt, worum es Frank Spiegel geht: der Sauvignon Blanc.
Sauvignon Blanc ist eine Sorte mit Meinung. Sie schmeckt entweder nach Stachelbeere, Cassis und frisch geschnittenem Gras — oder sie schmeckt nach nichts. Dazwischen gibt es wenig. Das liegt daran, dass ihre prägenden Aromastoffe, die Thiole und Methoxypyrazine, sehr empfindlich auf Lesezeitpunkt und Kellerarbeit reagieren.
Wer die Sorte in Deutschland anbaut, geht also ein Risiko ein: zu früh gelesen wird sie grün und stechend, zu spät verliert sie ihre Spannung. In der warmen Südpfalz ist das Zeitfenster eher schmal.
Der Ellermann-Spiegel Sauvignon Blanc wird temperaturkontrolliert im Edelstahltank ausgebaut und reift einige Zeit auf der Feinhefe. Das ist eine bewusste Entscheidung gegen den Holzeinsatz und für die Sorte selbst.
Das Ergebnis ist ein Wein mit einem expressiven Bukett, das Aromen von Stachelbeeren, Grapefruit, Cassis, Litschi, Mango, Kiwi, Gras, Melisse, Feuerstein und Holunderblüten vereint. Am Gaumen präsentiert er sich rassig, frisch und aromatisch, mit einer saftigen Frucht, mineralischen Noten, einer zarten Würze und einer finessenreichen Komposition. Die Spannung und das Spiel der Aromen klingen in einem langen Nachhall aus.
Die Feinhefe ist dabei der Grund, warum der Wein trotz seiner Frische nicht mager wirkt. Beim Ausbau auf dem Hefedepot zerfallen die Zellen langsam und geben Zellwandbestandteile ab — das schmeckt man nicht als Aroma, sondern als Textur.
Es gibt den Sauvignon Blanc auch als Goldkapsel, und der Unterschied ist erheblich. Dort kommt ein Holzanteil ins Spiel — etwas, das sich in Deutschland bei dieser Sorte wenige trauen.
Der Grund für die Zurückhaltung ist nachvollziehbar: Sauvignon Blanc lebt von genau den frischen, grünen Aromen, die Holz überdecken kann. Funktioniert es aber, entsteht ein Wein, der die Sortenaromatik behält und zusätzlich Breite und Länge bekommt. Bei 92 genuss7-Punkten ist es der bestbewertete Weißwein des Hauses.
Was Goldkapsel bei diesem Betrieb überhaupt bedeutet — nämlich eine trockene Selektion und keinesfalls einen süßen Wein — steht auf unserer Wissensseite.
Das Weingut Ellermann-Spiegel verfügt über rund 48 Hektar Rebfläche, von denen etwa 10 Hektar gezielt für die Direktvermarktung genutzt werden — Tendenz steigend. Die Weine überzeugen durch Eleganz, Frische und Mineralität und bieten einen ziemlich unverstellten Geschmack der Südpfalz.
Lange galt der Betrieb als Geheimtipp. Das ist er heute nicht mehr, und das ist auch gut so. Weitere Einordnung gibt es unter anderem bei Falstaff, die ganze Geschichte des Betriebs steht bei uns unter Das Weingut.
Zwei Ausbaustufen derselben Sorte: der Gutswein aus dem Edelstahl und die Goldkapsel mit Holzanteil.
Dieser Beitrag stammt aus der alten Fassung dieser Seite und wurde beim Relaunch überarbeitet: veraltete Jahrgangsangaben und tote Links wurden entfernt, die Shop-Verweise zeigen jetzt auf den aktuellen Jahrgang. Die Aussagen des Originals sind erhalten geblieben.
Weiterlesen
„Goldkapsel“ steht in keinem Gesetz. Was der Begriff bei Ellermann-Spiegel bedeutet und wie man den Unterschied tatsächlich schmeckt.
Warum die Sorte im Regal immer im Schatten von Riesling und Grauburgunder steht — und warum das ein Fehler ist.
Rotwein bei dreißig Grad funktioniert — wenn Temperatur und Sorte stimmen. Die konkreten Gradzahlen und die passenden Flaschen.