Das Weingut
Ein Dorf, ein Stiefsohn und die Entscheidung, selbst abzufüllen
Wie aus einem Betrieb, der jahrzehntelang Fassware lieferte, eine Weinmanufaktur mit eigenem Namen wurde.
Kleinfischlingen hat rund 500 Einwohner und liegt an der Südlichen Weinstraße, ungefähr auf halber Strecke zwischen Neustadt und Landau. Wein wird hier seit sehr langer Zeit angebaut — die erste urkundliche Erwähnung des Ortes fällt ins Jahr 772. Über die meiste Zeit dieser Geschichte war das ein Geschäft ohne Etiketten: Man erntete, presste und lieferte das Ergebnis in Fässern weiter.
Genau so arbeitete auch der Betrieb von Harald Ellermann. Rund 48 Hektar Rebfläche, die Ernte ging als Fassware an Genossenschaften. Ein solides Geschäft, aber eines, bei dem der eigene Name nie auf einer Flasche landet.
Frank Spiegels Umweg
Frank Spiegel ist Haralds Stiefsohn, und er nahm den langen Weg. Nach dem Abitur eine Winzerlehre bei zwei Betrieben, die in der Pfalz einen Namen haben: Knipser und Münzberg. Danach ein Studium des Weinbaus in Geisenheim. Dazwischen und danach Praktika in der Wachau, im Beaujolais und in Bordeaux — drei Regionen, die unterschiedlicher kaum arbeiten könnten.
2007 trat er in den Betrieb ein. Wer aus Bordeaux zurückkommt und dann sieht, wie die eigene Ernte im Tankwagen verschwindet, stellt irgendwann die naheliegende Frage. Ab dem Jahrgang 2008 wurde ein Teil der Ernte selbst ausgebaut, selbst abgefüllt und selbst verkauft.
Der Betrieb hieß bis dahin Ellermann. Dass er heute Ellermann-Spiegel heißt, ist keine Marketingidee, sondern die Dokumentation eines Wechsels.
Schon im ersten Jahr standen die Weine in mehreren Sternehäusern auf der Karte. Heute führt das Weingut eine eigene Karte mit dem Titel „Hier schmeckt ES“, auf der Gastronomen und Liebhaber eingetragen sind — national wie international.
Die Handschrift
Erst der Weinberg, dann der Keller
Die Arbeitsweise ist in allen Weinen dieselbe und lässt sich in drei Schritten zusammenfassen: sorgfältige Weinbergsarbeit, selektive Lese, schonender Ausbau. Das klingt nach einer Floskel, ist aber im Sortiment nachvollziehbar.
Die Gutsweine gären temperaturkontrolliert im Edelstahltank und bleiben danach eine Weile auf der Feinhefe — das ist der Grund für den feinen Schmelz, den man bei Weißburgunder und Grauburgunder am Gaumen spürt. Holz kommt nur in kleinen Anteilen dazu, und immer als Gärgefäß, nicht als Reifelager. Das ist der entscheidende Unterschied: Bei der Gärung im Barrique bindet die Hefe einen großen Teil der Holzaromen ein. Was bleibt, ist Textur statt Vanille.
Bei den Rotweinen läuft es umgekehrt herum: Maischegärung im Edelstahl, danach Reife im Holz. Deshalb haben sie Struktur, ohne nach Fass zu schmecken.
Das Etikett
Warum auf jeder Flasche eine Windrose steht
Das Etikett ist dunkelbraun, matt und trägt eine achtstrahlige Windrose mit den Initialen ES in der Mitte. Am rechten Rand stehen zwei Zahlen, die man leicht übersieht: 49°15′48″ und 8°11′13″. Das sind die Koordinaten von Kleinfischlingen.
Die Windrose zeigt in alle Richtungen und markiert trotzdem genau einen Punkt. Das ist eine ziemlich präzise Beschreibung dessen, was der Betrieb macht: Rebsorten und Techniken aus halb Europa, angewendet auf einen einzigen Fleck Löss und Lehm in der Südpfalz.
Konsequenterweise heißt der Rosé des Hauses Windrosé und die Vinothek Windrose.
Der Betrieb in Zahlen
Was sich beziffern lässt
- 48 haRebfläche insgesamt
- 10 hafür die Direktvermarktung, Tendenz steigend
- 2007Frank Spiegel tritt in den Betrieb ein
- 2008erster selbst abgefüllter Jahrgang
Die Flächenangaben stammen aus der bisherigen Berichterstattung über den Betrieb. Der Anteil für die Direktvermarktung wächst, die Zahl ist also eher eine Untergrenze.
Drei Linien, und was sie voneinander unterscheidet
Das Weingut sortiert nicht nach Farbe, sondern nach Anspruch. Wer das Prinzip einmal kennt, findet sich im Regal sofort zurecht.
Goldkapsel
Die Jahrgangsspitze. Beste Lagen, bewusst kleine Erträge, teils sehr alte Rebstöcke, intensive Handarbeit im Weinberg und eine sehr späte, selektive Lese. Wichtig für alle, die von der Mosel kommen: Goldkapsel heißt hier nicht süß. An Mosel, Nahe und im Rheingau hat sich die goldene Kapsel historisch bei edelsüßen Prädikatsweinen eingebürgert. In Kleinfischlingen steht sie für eine trockene Selektion.
Gutsweine, die 0,75-Liter-Flaschen
Frisch, fruchtbetont, unkompliziert. Diese Weine sollen nicht studiert, sondern getrunken werden. Sie sind das Rückgrat des Sortiments und der Grund für den Ruf des Betriebs beim Preis-Genuss-Verhältnis.
Literweine
Die pfälzischen Klassiker für Brotzeit, deftige Küche oder einfach so — pur oder als Schorle. Kein zweitklassiger Wein in großer Flasche, sondern derselbe Riesling mit einem Viertel mehr Inhalt.
Dazu kommen zwei entalkoholisierte Cuvées und, mittlerweile, Experimente außerhalb des Weinregals: Der Betrieb hat unter dem Namen Brauvignon Blanc auch ein Grape Ale gebraut. Das ist die Sorte Betrieb, über die man reden muss.
Selbst probieren
Vinothek Windrose in Kleinfischlingen
Im Rahmen des Weinkaufs lassen sich alle Weine vor Ort verkosten. Adresse, Öffnungszeiten und die Kaufwege im Netz stehen auf der Kontaktseite.